Wednesday, March 30, 2016

Angeblicher Hisbollah-Kommandant Samir Quntar: Die Symbolfigur

Quntar (Mitte) posiert mit regimetreuen (Para-)Militärs für ein Erinnerungsfoto im syrischen Dair ez-Zor
Am 19. Dezember 2015 starb Samir Quntar bei einem israelischen Luftangriff im Damaszener Vorort Jaramana. Quntar war eine Symbolfigur – je nach Blickwinkel für den Kampf gegen Israel oder für brutalen palästinensischen Terrorismus. Sein Verhältnis zur Hisbollah und seine Rolle im syrischen Bürgerkrieg waren aber weniger eindeutig als es auf den ersten Blick erscheint. 
Samir Quntars Mythos beginnt in den 1970er Jahren während des libanesischen Bürgerkrieges. Eher untypisch für einen Drusen und wohl auch gegen Widerstände in seiner Umgebung schloss er sich als Teenager der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) an und nicht der Progressiven Sozialistischen Partei des legendären Drusenführers Kamal Jumblatt. 1979 war er Teil einer Kommandoaktion im nordisraelischen Nahariya und nahm einen Vater mit seiner vierjährigen Tochter als Geisel. Quntar tötete beide, das Mädchen durch einen Schlag mit dem Gewehrkolben.
Der Doyen der Gefangenen
Ein israelisches Gericht verurteilte Quntar zu mehrmalig lebenslang­­er Haft. 2008 kam er im Austausch gegen die Leichen zweier israelischer Soldaten mit den vermutlich letzten libanesischen Gefangenen in Israel zurück in den Libanon,  In Israel war der Widerstand gegen Quntars Freilassung seit jeher groß. Dass er dann gegen zwei Särge ausgetauscht wurde, empfanden weite Teile der israelischen Öffentlichkeit als Demütigung. Davor waren mehrere Versuche, Quntars Freilassung durch einen Gefangenenaustausch zu erwirken, fehlgeschlagen. Bereits 1985 hatte die PLF aus diesem Grund das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro entführt. Dieses Ereignis wird vor allem wegen der Ermordung des behinderten jüdischen Passagiers Leon Klinghoffer und auch wegen der kontroversen, nach ihm benannten Oper bis heute medial diskutiert. Die Entführung der zwei israelischen Soldaten, die zum 33-Tage-Krieg 2006 geführt hat, sollte ebenfalls in diesem Kontext betrachtet werden.
Die Hisbollah stilisierte Quntar zum überkonfessionellen Symbol für den Widerstand gegen Israel. Aufgrund seiner langen Haft bezeichnete sie ihn in ihrer Propaganda auch auch als „Doyen der libanesischen Gefangenen“. In Israel wurde er hingegen wegen der Tat und den erfolglosen Versuchen, ihn freizupressen – zuerst von palästinensischer Seite und später von der Hisbollah – zum Prototypen des brutalen palästinensischen Terroristen. Der drusisch-libanesische Hintergrund Quntars geriet so fast in Vergessenheit.
Rückkehr in den Libanon
Bei seiner Rückkehr in den Libanon wurde Quntar als Nationalheld empfangen. Die höchsten Repräsentanten des Staates begrüßten gemeinsam mit Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah den in einer Hisbollah-Uniform gekleideten Quntar in einer im Fernsehen übertragenen Zeremonie. Sogar „seine“ Drusen, die sich fast drei Jahrzehnte lang kaum um sein Schicksal gekümmert hatten, bereiteten ihm ein Willkommensfest in seinem Heimatdorf Abay im Libanongebirge. Im drusischen Kontext trat er in der Folge aber nicht in Erscheinung – zumindest nicht im Libanon.
Quntar heiratete nach seiner Rückkehr zum zweiten Mal (von der palästinensischen Aktivistin, die er im israelischen Gefängnis geheiratet hatte, war er unterdessen geschieden) und die Wahl seiner Braut warf einige Fragen auf. Quntars neue Frau war Zainab Barjawi, eine Fernsehmoderatorin aus prominenter schiitischer Familie.  Vermutlich hatte die Hisbollah Barjawi  als Quntars Frau ausgesucht. Es zirkulierte damals bereits das Gerücht, Quntar sei zum Schiitentum konvertiert. Hätte die Familie seiner Frau sonst der Heirat zugestimmt? Beweise für seine Konversion gab es keine, aber die Verwendung von religiös-schiitisch gefärbter Rhetorik und Symbolik durch Quntar weist darauf hin.

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